Justiz 2.0

Kennt ihr Hartmut Schneider? Nein? Ich bisher auch nicht. Der Mann ist Oberstaatsanwalt und als solcher Vertreter der Bundesanwaltschaft am Bundesgerichtshof (BGH) in Leipzig.

Dieser Mann hat vor dem obersten deutschen Gericht einen Freispruch für Skandal-Schiedsrichter Robert Hoyzer gefordert. Mit dem Argument, der des Betrugs angeklagte Ex-Schiri habe zwar eine “Gaunerei”, aber keinen strafbaren Betrug begangen. Eine wesentliche Voraussetzung des Betrugstatbestands sei hier nicht erfüllt – die “Täuschung”, so seine Argumentation.

Jaaa, äääähhhhhh… Ja.

Wir lernen: eine akademische Betrachtung hat nicht zwangsläufig etwas mit gesundem Menschenverstand zu tun. Auch nicht mit gesellschaftlicher Verantwortung. Unter diesem Aspekt gilt es viele Dinge neu zu bewerten. Rein akademisch betrachtet, ist auch ein Treffer in einem Fußballspiel kein Treffer. Denn es handelt sich bloß um das überqueren einer weißen Kreidelinie durch eine Kugel. Dies als “Tor” zu interpretieren, ist reine Willkür und durch nichts zu rechtfertigen.

Ja, so ist das. Oder, Herr Schneider, was meinen Sie?

(via Financial Times Deutschland)

Der Schieber

Kann mir einer sagen, was gestern mit dem DSF los war? Okay, auch ein erfahrener Fußball-Kommentator wie Thomas Herrmann kann mal einen schlechten Tag haben. Das Spiel von Bayer Leverkusen in Bukarest (1:2), das er kommentierte, war ja auch über weite Strecken nicht gerade erbaulich.

Aber: wo war der “Schieber”? Hat der Mann vor seinem Monitor keine Sekundanten, die ihm wichtige Infos dezent zustecken können? Seltsam war schon, dass er das Leverkusener Führungstor durch Barbarez mit zeitlicher Verzögerung wahrnahm. Während ich noch rätselte, ob vielleicht Bild und Ton asynchron bei mir ankommen, erzielte Bukarest den Ausgleich. Dank eines Blackouts von Bayer-Abwehrspieler Madouni, der dem Gegner den Ball vor dem eigenen Strafraum direkt in die Füße spielte. Das hatte Herrmann nicht gesehen. Aber anscheinend auch sonst niemand im Sender. Jedenfalls blieb diese vermutlich spielentscheidende Szene lange, zu lange, auf der Strecke – zumal sie auch beim rumänischen Fernsehen in den Zeitlupen-Wiederholungen nicht mehr auftauchte.

Liebes DSF, ich biete mich an, als analytischer Notizzettel-Zuschieber künftig eure übertragungen zu unterstützen.

Nie mehr Zuckerbrot und Peitsche

Max Merkel ist im Alter von 87 Jahren gestorben. Einige kennen den Wiener noch als herausragenden Fußball-Trainer der 60er und 70er Jahre. Sein Fußball-Lehrer-Credo (“Mit Zuckerbrot und Peitsche”) war Ausdruck des Zeitgeistes: Disziplin und Härte hießen damals die Zutaten jeden Erfolgsrezepts auf dem Fußballplatz, nur unwesentlich gewürzt mit einer rudimentären Prise psychologischen Einfühlungsvermögens.

Die meisten allerdings kennen “MM” nur als herausragenden Zyniker. Seine Kolumnen in der “BILD”-Zeitung bedienten in unnachahmlicher Manier den Neid des kleinen Mannes auf die Fußball-Millionäre (“Hahaha, denen hat er’s aber mal richtig gegeben!”). Intellektuelle hingegen schätzten seinen gelegentlich gelungenen Wortwitz und die bildhafte Sprache.

Bei Focus Online sind einige seiner originellsten “BILD”-Sprüche nachzulesen, so zum Beispiel das berühmte Zitat über seinen Intimfeind Otto Rehhagel: “Früher hatte er Mühe, Omelett von Hamlet zu unterscheiden.”

Die Cannavaroisierung des Fußballs

Der Italiener Fabio Cannavaro ist Europas Fußballer des Jahres 2006. Es sei ihm gegönnt, schließlich ist der 33 Jahre alte Abwehrspieler von Real Madrid Kapitän des aktuellen Weltmeisters.

Dennoch seien mir einige Anmerkungen zu dieser Rangliste des europäischen Fußballs, gestaltet von der Avantgarde des europäischen Sportjournalismus, gestattet. Das Votum der 52 Jurymitglieder der französischen Fußball-Fachzeitschrift “France Football“, die sich selbst ohne falsche Bescheidenheit die “Bibel des Fußballs” nennt, ist in dreierlei Hinsicht äußerst bemerkenswert – trotz der sportpolitischen Dimension, die solchen Abstimmungen natürlich immer innewohnt.
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Trainerkult

Nach etwas mehr als 2000 Jahren ist den Menschen wieder ein Messias erschienen. Diesmal allerdings nur mit einem regional begrenzten Zuständigkeitsbereich, nämlich für das mittlere Rheinland. Außerdem heißt er nicht Christus, sondern Christoph. Und seine Jünger gehen nicht über Wasser, sondern schießen den Ball ins gegnerische Tor – bejubelt von den Massen.

Gläubige Menschen mögen mir diese ketzerischen äußerungen verzeihen. Aber der Kult, der gegenwärtig in Köln um Trainer Christoph Daum betrieben wird, ist mit rationalen Maßstäben nicht mehr zu fassen. Okay, kann man einwenden, Köln ist ja schließlich eine Karnevalshochburg. Aber ich habe langsam den Eindruck, die Menschen hier um mich herum meinen das alle Ernst mit der göttlichen Verehrung. Daum legt die Hand auf und die eigenen Spieler bekommen Flügel, des Gegners Beine werden schwer und der Schiri führt nur noch im rechten Augenblick die Pfeife zum Mund. Liebe katholischen Kinder: es ist weder Jesus noch der Papst, es ist nur ein Fußball-Lehrer!

Ich bin ehrlich gespannt, ob diese Klamotte in Köln anders verläuft als ein paar Kilometer rheinabwärts. Auch in Mönchengladbach kehrte mit Jupp Heynckes ein ehedem Eingeborener als gewachsener Weltmann in das ländliche Idyll am Niederrhein zurück. Und allen blieb am Ende die bittere Erkenntnis, dass auch ein früherer Champions-League-Gewinner aus Ackergäulen keine Rennpferde machen kann.

Die Spieler des 1. FC Köln werden die Situation genießen, denn komfortabler geht es kaum noch: ab jetzt gewinnt und verliert in Köln nur noch Christoph Daum. Von der Mannschaft redet keiner mehr.

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