Emotionsloser Abend

Gestern war für mich Premiere. Ich habe in der ARD den Film “Deutschland. Ein Sommermärchen” von Sönke Wortmann gesehen. Anschließend habe ich lange darüber nachgedacht, weshalb mich diese 105 Minuten emotional überhaupt nicht berührt haben, ganz im Gegensatz zu “Das Wunder von Bern”. Und das, obwohl ich gerade beim Thema Fußball hoffnungslos sentimental bin.

Zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 müssen zwei Geschichten erzählt werden.

Das eine ist die Geschichte eines großartigen Events, eines aus dem Tiefschlaf erwachten Landes sowie seiner fröhlichen und ausgelassenen Menschen; die weiß-schwarz gewandeten Protagonisten auf dem grünen Rasen spielen nur eine Nebenrolle. Diese Geschichte birgt zahllose Höhepunkte, auf den Straßen, in den Stadien, in Büros und Wohnzimmern. Musik, Feuerwerk und Partystimmung, eine euphorisierende Atmosphäre – nicht dank Ecstasy, sondern dank Fußball. Krönender Abschluss ist die unvergleichliche Nacht von Stuttgart am 8. Juli, nach dem “kleinen Finale”, die selbst vor dem TV-Gerät ein überwältigendes Erlebnis ist. Emotionen pur, mit einem perfekten Happy-End. Das ist das deutsche “Sommermärchen 2006″.

Die andere Geschichte ist die einer Fußball-Mannschaft. Einer Mannschaft, auf die keiner einen Pfifferling setzt. Und die sich dennoch daran macht, das scheinbar Unmögliche zu schaffen. Mit Akribie, Teamgeist und Mut – fast so wie 1954. Die mit ihrer Spielweise in die Herzen der Menschen dringt und fortan von einer noch nie da gewesenen Sympathiewelle der Fans von Sieg zu Sieg getragen wird. Und die dennoch kurz vor dem großen Ziel scheitert. Diese Geschichte endet mit der Halbfinal-Niederlage gegen Italien; mit Tränen der Enttäuschung in der Umkleidekabine des Dortmunder Stadions. Ohne Happy-End. Das ist die Geschichte der “Weltmeister der Herzen”.

Sönke Wortmann hat die falsche Geschichte erzählt. Die ohne Happy-End. Und noch dazu den falschen Titel gewählt. Aber das alles konnte er vorher nicht wissen. überdies kommt Wortmanns Kamera trotz räumlicher Nähe nie wirklich an die Hauptdarsteller heran. Der Zuschauer hat den Eindruck, er blickt vom Oberrang der Stadiontribüne auf das Geschehen, seltsam distanziert und nicht in der Lage, Freude und Schmerz mit den Spielern zu teilen. Der Funke springt nicht über. Die WM-Vorbereitung wirkt wie ein lustiger Sommerurlaub, die Residenz in Berlin wie aus “1001 Nacht”. Steriler Luxus.

Dennoch ist der Film interessant und bisweilen unterhaltsam, trotz bedenklicher Längen. An einigen Stellen kommen Kamera und Mikrofon den ängsten der Spieler zumindest ansatzweise nahe. Zum Beispiel wenn Tim Borowski während der Massage darüber sinniert, dass ja kaum jemand auf der Welt bei den Spielen zusieht. Nur 1,5 Milliarden. Ich gebe auch zu, dass der Streifen einige sehr schöne Episoden bereit hält. Viele finden Oliver Neuville bei der Dopingkontrolle besonders amüsant, aber mein persönliches Highlight will ich hier nicht verschweigen: der köstliche Dialog zwischen Miroslav Klose und der amerikanischen Friseurin.

Fazit: Ein zweites Mal schaue ich mir “Deutschland. Ein Sommermärchen” nicht an.

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Geschrieben von terrier | Abgelegt unter Alles, Deutschland-Biss, Medien-Biss | Bookmark bei mister wong | Bookmark bei del.icio.us | Permalink

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