Das EM-TV-Tagebuch, Tag 3
Montag, 9. Juni 2008 – 1. Spieltag Gruppe C
Niederlande gegen Italien, 21.15 Uhr.
Fassungslos starre ich auf den Bildschirm. Kollege van Nistelrooy hat gerade mutterseelenallein vor dem Tor den Ball im italienischen Kasten versenkt. "Skandal, mindestens fünf Meter abseits", schimpfe ich.
Ich liege falsch. Ganz falsch. So was von falsch. Und geradezu peinlich ist, dass ausgerechnet ARD-Kommentator Steffen Simon, dessen Fußball-Wissen gewöhnlich durch keinerlei Fachkenntnis beeinträchtigt wird, mehr weiß als ich. Und als Günter Netzer.
Die italienische Halbleiche hinter dem Azzurri-Kasten, die Sekunden vorher gemeinsam vom eigenen Torwart und einem Holländer mit Metzger-Figur massakriert worden war, zählt beim Abspiel mit – Tor!
Nicht mal van Nistelrooy weiß das. Er schaut auf seiner Jubelrunde mehrmals ungläubig zum Linienrichter.
Ich überlege mir, wie oft ich früher als Mittelstürmer das Spielfeld verlassen habe, um nicht im Abseits zu stehen. Keiner hat sich je darüber aufgeregt. Schon gar nicht der Schiedsrichter. Wer außerhalb des Spielfeldes ist, der nimmt nicht am Spielgeschehen teil. Das war mein bisheriger Kenntnisstand.
Bevor ich mich in die Psychiatrie begebe, schaue ich vorsichtshalber nochmal via Wikipedia ins Regelbuch. Dort steht:
Wenn Spieler der verteidigenden Mannschaft sich außerhalb des Spielfelds stellen, um damit gegnerische Spieler in eine Abseitsposition zu bringen, so darf der Schiedsrichter nicht auf Abseits entscheiden, da die Spieler dann so gewertet werden, als würden sie auf der Torlinie stehen. Zusätzlich wird der Verteidiger wegen unerlaubten Verlassens des Spielfeldes mit der Gelben Karte verwarnt. Hingegen ist es Spielern der angreifenden Mannschaft, die im Abseits stehen würden, erlaubt, sich außerhalb des Spielfelds zu stellen, um ihre Abseitsposition in der aktuellen Spielsituation aufzuheben.
Aha.
Nun ist eines klar: Herr Panucci hat sich nicht außerhalb des Spielfeldes gestellt, er wurde unter Schmerzen dorthin befördert. Und noch bevor er sich in typisch italienischer Manier darüber Gedanken machen konnte, ob es sinnvoll sein könnte, in diesem Moment liegen zu bleiben, war die Pille bereits drin. Von Vorsatz kann also nicht wirklich die Rede sein.
Das wirft Fragen auf.
1. Warum unterscheidet die Regel in diesem Fall nicht zwischen vorsätzlichem und nicht-vorsätzlichem Handeln?
2. Warum unterscheidet die Regel zwischen Abwehrspielern und Angreifern?
3. Warum haben Trainer diese Tatsache noch nicht in ihre Taktik-Schulungen aufgenommen?
Halbfinale 2006: Poldi schubst Cannavaro ins Toraus und Miro macht ihn nach Flanke von Schnix freistehend rein. Mensch, mit diesem taktischen Kniff hätten wir Weltmeister werden können…
Ach, ja:
Lieber Reinhold Beckmann,
es wäre sehr zuvorkommend, wenn Sie künftig nicht mehr reinquatschen würden, wenn Mehmet Scholl mal was Interessantes sagen will.
Leistungsbarometer der Teams:
Italien: Mal eine Großchance reinmachen wäre hilfreich.
Niederlande: Klasse. Aber es geht ja auch noch nicht um die Wurst.
Frankreich: Heillos zerstrittener Haufen.
Rumänien: Eine Mannschaft, die ausschließlich auf die B-Note schielt.
Kleiner Linktipp für alle, die noch etwas Nachhilfe in Sachen "Abseitsstellung" brauchen:
"Dr. Westhoffs Abseits-Trainer" auf dem EA Sports Spiele-Portal pogo.de.

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