Das EM-TV-Tagebuch, 19. und letzter Tag

Sonntag, 29. Juni 2008 – Finale

Es ging um die Wurst und Spanien hat gewonnen. Das ist neu. Ganz neu. Plötzlich und unerwartet haben wir neuen "global player" auf der Fußball-Landkarte. Daran muss ich mich erst noch gewöhnen.

Bisher war die spanische Auswahl weder eine "National" noch eine "Mannschaft". Oft habe ich mich in den vergangenen Jahrzehnten gefragt, wie es wohl wäre, wenn die begnadeten Könner aus Madrid, Barcelona und Valencia mal auf der grünen Wiese zusammen spielen würden statt jeder für sich alleine. Jetzt habe ich die Antwort.

Eine Nationalelf, die mit ihren Leistungen in diesen vier Wochen qualitativ zweifellos jedem Vergleich mit den besten Nationalteams aller Zeiten standhält. Sogar mit Brasilien. Ob dieses Klasseteam auch eines Tages ein großes Team sein wird, darüber werden die nächsten Jahre Aufschluss geben. Das Potenzial ist auf jeden Fall vorhanden. Sogar ein guter Torwart. In diesem Augenblick ist es nicht mehr als eine Momentaufnahme der Kräfteverhältnisse im europäischen Fußball.

Ich kann mich an kein einseitigeres Fußballspiel als das Finale der EURO 2008 erinnern. Höchstens Borussia Mönchengladbach gegen Borussia Dortmund (12:0) vor 30 Jahren kann da mithalten. Dass uns die Spanier nicht zweistellig geschlagen haben, entspricht glücklicherweise ihrem Naturell. Und ganz ehrlich: diese Demontage ist doch viel schneller verarbeitet als eine unglückliche Niederlage im Elfmeterschießen, oder?

Die deutsche Nationalmannschaft war auch da. Mitgespielt hat sie nicht. Sie hat Spalier gestanden. Sie war schon vorher mit dem Erreichten zufrieden. Die Spieler waren pappsatt. Und eines muss man ihnen lassen: Mit einem guten, einem passablen, einem schlechten und drei miserablen Spielen Vize-Europameister werden – das kann nur Deutschland!

Für einen gewissen Höhepunkt aus deutscher Sicht sorgte schließlich noch zu später Stunde Hobby-Philosoph Jens Lehmann. Und zwar mit dem im ARD-Interview gleich doppelt ausgesprochenen Satz: "Der Konjunktiv ist der Feind des Verlierers."

Hhhmmmm. Prima Denksportaufgabe kurz vor Mitternacht. Was meint er bloß damit?

Ist nicht der Konjunktiv viel eher der Freund des Verlierers? Die Trutzburg, auf die man sich zurückziehen kann, wenn alles den Bach runtergegangen ist? Ein psychologisches Auffanglager nach dem Motto: "Eigentlich hätten wir auch gewinnen können, wenn …"? Es ist an der Zeit, dass sich Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski im "Philosophischen Quartett" mit dieser Frage beschäftigen.

Leistungsbarometer der Teams:
Spanien: Die beste Mannschaft ist verdient Europameister.
Deutschland: Ich wollte, ich könnte sagen, die zweitbeste Mannschaft ist verdient Vize-Europameister. (Ist dieser Konjunktiv jetzt mein Freund oder mein Feind?)

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Geschrieben von terrier | Abgelegt unter Alles, Europa-Biss | Bookmark bei mister wong | Bookmark bei del.icio.us | Permalink

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