Klasse vs. Tagesform
So, nun haben sich auch Torsten Frings und Bundestrainer Joachim Löw wieder lieb ? wie auf kicker.de nachzulesen. Und das ist gut so. Offiziell muss Löw aus der Sache als Sieger hervorgehen, das gebietet die Rangordnung. Vielleicht kann mir ja mal irgendwann irgendjemand den Sinn dieser ganzen Nummer erläutern.
Denn: wenn die beiden unumschränkten Führungsspieler der Nationalmannschaft, Ballack und Frings, in Topform sind, spielen sie. Daran besteht nicht der geringste Zweifel. Wenn Sie verletzt oder nicht in Topform sind, spielen sie NICHT. Daran besteht ebenfalls kein Zweifel.
Vermutlich ist dieser ganze Vorgang wohl nur Ausdruck des radikalen Wandels, den der Spitzenfußball in den vergangenen Jahrzehnten erlebt hat.
Bedeutet: weg von der individuellen Klasse einzelner Spieler (di Stefano, Beckenbauer, Charlton, Cruyff, Pele oder Maradona), die letztlich den Unterschied ausmachten, hin zum perfekt funktionierenden Kollektiv, das sich durch extreme Athletik der Spieler, taktische Disziplin und Organisation auszeichnet. Und in dem die Spieler im Grunde austauschbar sind. Paradebeispiel dafür ist aktuell der FC Liverpool, den ich jüngst beim FC Chelsea erleben durfte. Kein taktischer oder individueller Fehler bei höchstem Spieltempo. 90 Minuten lang. Das ist schon fast unheimlich.
Auch die Erfolge von Europameister Spanien, seit zwei Jahren in 27 Spielen ungeschlagen, basieren auf dieser Interpretation des Fußballs. Tolle Fußballer, klar. Aber jedes Einzelteil des Elfer-Kollektivs auf dem Rasen gleichwertig ersetzbar. In der Konsequenz heißt das: die Tagesform entscheidet über den Einsatz. Wenn Iniesta oder Silva nicht gut drauf sind, spielen Fabregas oder Xabi Alonso. Und keiner merkt’s. So einfach ist das.
Was Frings und Ballack heute stattdessen einfordern, ist die Philosophie der 60er, 70er oder 80er Jahre. Die besagt: individuelle Klasse geht vor Tagesform. Der bessere Fußballer spielt. Immer.
Paradebeispiele dafür sind für mich immer noch zwei historische Daten der deutschen Länderspielgeschichte.
- 1954: Der 1. FC Kaiserslautern verliert das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft am 23. Mai gegen Hannover 96 sang- und klanglos mit 1:5. Alle Stars des Top-Favoriten wie Fritz und Ottmar Walter, Werner Kohlmeyer, Horst Eckel und Werner Liebrich versagen auf der ganzen Linie. Bundestrainer Sepp Herberger setzt trotz massiver Proteste der deutschen öffentlichkeit weiterhin auf das Pfälzer Quintett ? und exakt sechs Wochen später ist Deutschland zum ersten Mal Weltmeister.
- 1972: Bayern München verliert am 19. April völlig überraschend das Halbfinal-Rückspiel im Europapokal der Pokalsieger bei den Glasgow Rangers mit 0:2 und scheidet aus. Drei Tage später kassieren Sepp Maier, Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß und Gerd Müller in der Bundesliga nach katastrophaler Leistung eine 0:3-Klatsche beim MSV Duisburg. Eine Woche darauf gewinnt die Nationalelf mit den Bayern-Versagern, noch ergänzt um Georg Schwarzenbeck und Paul Breitner, im Europameisterschafts-Viertelfinale mit 3:1 in Wembley gegen England ? der erste Erfolg auf englischem Boden und eines der berühmtesten Spiele der DFB-Auswahl aller Zeiten.
So war das damals. Was Frings und Ballack allerdings wissen müssten: das ist Schnee von gestern. Sepp Herberger und Helmut Schön sind längst nicht mehr unter uns. Heute gelten völlig andere Spielregeln. Die Regeln des 21. Jahrhunderts. Also: ranhalten, Jungs!

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